Sihanoukville bei Regen

7.August 2008

Seit 2 Naechten bin ich mittlerweile in Sihanoukville, das ich mir als vertraumtes Strand-Paradies in Suedkambodscha vorgestellt hatte. Dass die Realitaet einen doch ziemlich anderen Eindruck macht hat nicht nur mit dem schlechten Wetter zu tun. Seit mehr als einer Woche ist hier offenbar Regen angesagt, wobei am Nachmittag jeweils eine kurze Verschnaufpause eingeschoben wird. Das ist schade denn eigentlich haette der Ort alles zum perfekten Strand-Urlaub: verschiedene wunderbare Sandstrande, gesaumt von Kokospalmen, umspuehlt von warmem Golf von Thailand (ca 25C) und angeblich herrrliche Korallenriffe zum schnorcheln und tauchen. Dass es nicht mehr ganz so paradiesisch zu und her geht, verraten die zahlreichen Bars und Hotels am Westende ”meines” Strandes. Zur Zeit fuehlt es sich ein bisschen an wie Rimini im Oktober. Das hat vor allem damit zu tun, dass sich die Feriengaeste zur Zeit genau dort aufhalten und eben nicht hier. Erst wenn es in Europa kalt und dunkel wird, startet hier die Hochsaison (November-Maerz).

In Sihanoukville gibt es etwa 5 Straende. Davon sind der Oeffentlichenkeit noch 3 zugaenglich. Der huebscheste, Soka Beach, ist vom Ort aus hinter 3 Kurven versteckt (30min Fussmarsch), wird aber von einem russischen Resort beherrscht. Kambodschanern ist der Zutritt verwehrt (sic!). Nur als Muellsammler und Barmaedchen ist ihre Anwesenheit den westlichen Gaesten zuzumuten. Urlauber die nicht im Resort logieren duerfen zwar konsumieren (und zahlen) muessen die etwas muehselige Anreise aber selbst auf sich nehmen.

Ein weiterer Strand wird als “…cleared for industrial development” beschrieben. Das toent fuer mich irgendwie nach Soka-Beach Nr2. Dass es in Kambodscha irgendiwe an so was wie gesundem Menschenverstand mangelt kann man nicht allein den Kambodschanern vorwerfen. Die Schreckensherrschaft der Khmer rouge, die unter Pol Pot geschaetzte 1.5 mio Menschen exekutierten liegt zwar schon 30 Jahre zureuck. Was es fuer ein Land bedeutet, wenn waehrend 3 Jahren jeder der nur den Eindruck eines Intellektuellen macht, mit Deportation und Hinrichtung rechnen muss, (eine Brille zu tragen galt als ausreichend) kann man nur erahnen. Dass der Aufstieg von Pol Pot vor allem als Reaktion auf eine voellig unfeahige und grausame Militaer-junta folgte, die aber von den Amerikaner erwuenscht (und auch installiert) war (es war die Zeit des Vietnam-Konflikts), zieht einmal mehr eine Blutspur in den Westen.

Seither hat es fuer Kambodscha nie mehr so etwas wie einen Normalzustand gegeben, der es dem Land ermoeglicht haette eine starke Mittelschicht und eine demokratische Regierung hervorzubringen. Dass das Land heute von Korruption durchwuchert ist und die Infrastruktur (Elektrifizierung, Strassenbau, Schulsystem, Spitealer) nur dank Auslandhilfe und NGO’s halbwegs funktioniert kann man also durchaus als Erbe des Vietnam-Krieges sehen. Heute weiss ich, dass das Beispiel Kambodschas kein “Versehen” in der Weltgeschichte ist. Klar ist einiges “aus dem Ruder gelaufen”, aber wer das Ruder so lose fuehrt, darf sich nicht wundern. Ich habe in Phnom Penh ein Buch mit dem Titel “Confessions of an economic Hit men” gefunden. Es beschreibt die Geschichte eines Chef-Oekonomen bei einer amerikanischen Beratungsfirma, deren Aufgabe man euphemistisch als Modernisierung der 3. Welt umschreiben koennte. Dass die dazu notwendige Infrastruktur von Amerikanern erbaut wurde, hielt die Weltbank und den IWF nicht davon ab fuer die Leistungen Zins von den 3.Welt-Laendern einzufordern. Einmal verschuldet, ist das Land am Gaengelband der USA. Gegenleistungen fuer (partiellen) Schuldenerlass (die sich nach exponentiellem Wachstumsgesetz, ja ohnehin wieder vermehrten, Zinseszins) sind Rohstoffe aler Art (Hoz, Oel, Erze) und Voten in der UN-Vollversammlung…

Damit kann man die juegste Geschichte Kambodschas als Resultat eines schattenhaften Imperialismus sehen (was die Aurorenschaft betrifft, fuer die Folterofer in Slung Treng war der Schatten mehr als nur handfest), der Krisen in der lokalen Bevoelkerung vorsaetzlich provoziert. Besonders traurig ist die Tatsache, dass dieses System der Ausland-”hilfe” eine lokale Herrscherschicht hervorbringt, die wie Landvoegte das eigene Land knechten, (um die Kreditvorderungen halbwegs zu erfuellen) und die wann immer ein Wilhelm Tell aufzutauchen drohte, mit dem Schutz amerikanischer Flugzeugtraeger rechnen konnten. Wie sollte ein LAnd unter diesem Einfluss je zu einer echten Demokratie werden?

Eine Antwort zu “Sihanoukville bei Regen”

  1. Othmar Schwank sagte

    Lieber Lukas,
    Vielen DAnk für die Fortführung des Reisekalenders. Du schreibst zwar hin und wieder von Magenverstimmung, es macht aber den Eindruck dass Du durchaus reisefähig und durchaus unternehmungslustig bist. Ich kopiere die Berichte bis hier für die interessierten LeserInnen an der Randenstrasse in SH.
    Confessions of an economic hitman hatte ich vor ca 2 Jahren per Zufall in Delhi in einer Buchhandlung gesehen und gelesen, danach ist mir der Titel noch in einem Buchladen in Bali aufgefallen. Ich hatte Dir offenbar nie davon erzählt. Im kleinen passt die Schilderung zur Analyse von Armin Risi. Viel Glück für die Weiterführung der Reise. Es ist schnell Ende August! Herzlicher Gruss Papa

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